{"id":407,"date":"2024-05-05T17:38:19","date_gmt":"2024-05-05T15:38:19","guid":{"rendered":"https:\/\/juergen-schlusnus.de\/?page_id=407"},"modified":"2024-05-05T17:38:19","modified_gmt":"2024-05-05T15:38:19","slug":"die-kraehe","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/juergen-schlusnus.de\/?page_id=407","title":{"rendered":"Die Kr\u00e4he"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Leseprobe:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im September, kurz bevor der Sommer zu Ende geht, ist alles aus Gold. Die Sonne, die noch im August hei\u00df und brennend am Himmel stand, war mild und vers\u00f6hnlich geworden. Seit Tagen rollte sie unabl\u00e4ssig \u00fcber den wolkenlosen Himmel und tauchte alles in ihr vers\u00f6hnliches Licht. Wie ausdauernd doch hier die Farben sind, dachte ich, w\u00e4hrend ich mit klopfendem Herzen durch die L\u00fcfte schwebte. Nichts ist verblichen, nichts ist ungewiss. Das Violett der Heide dort hinten ist zu Samt geworden, und die Stoppelfelder unter mir zu reinem Gold. Das Kreuz auf dem Kirchturm, \u00fcber das ich jetzt hinweg flog, blitzte in der Sonne. Mir war, als leuchteten die Rosen so rot wie sonst nirgendwo, als w\u00e4ren die Birkenst\u00e4mme hier wei\u00dfer. Die Sonnenblumen standen jetzt, um die schl\u00e4frige Zeit des Nachmittags, tr\u00e4umend am Zaune und nickten leicht mit ihrem Kopfe. Und selbst die \u00c4pfel, kleine leuchtende Kugeln mit lustigen roten Backen, lachten mir vom Baume \u00fcberm\u00fctig zu. Bald schon werden sie zu Boden fallen, aber noch halten sie sich mutig fest &#8211; wie an einer Mutter, von der sie um nichts in der Welt getrennt werden wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war ein sch\u00f6ner Tag im September. Unter mir sah ich das Haus, in dem sie wohnte. Ich drehte, kaum mit den Fl\u00fcgeln schlagend, vor lauter aufgeregter Freude eine gro\u00dfe Runde dar\u00fcber hinweg, ging dann in den Sinkflug \u00fcber und landete schlie\u00dflich auf dem Gel\u00e4nder des kleinen Balkons. Vorsichtig lugte ich in die Wohnung. Die K\u00f6nigin der Nacht, die morgens fr\u00fch aufwacht und deswegen nach dem Mittagessen eine tote Zeit hat, in der sie unf\u00e4hig ist, etwas anderes zu tun als in ihrem farbbeklecksten Malerkittel mit der Zeitung auf dem Sofa zu liegen, las ein wenig und d\u00f6ste ein wenig. Die Fenster und die Balkont\u00fcr standen offen. Weil auch die Vorh\u00e4nge nicht zugezogen waren, schien die Sonne in das Zimmer, in dem sie isst und arbeitet. Schau, jetzt ist ihr die Zeitung auf den Bauch gefallen, halb im Schlafe atmet sie die milde, nach trockenen Tannennadeln riechende Luft, die mit mir von den Feldern kommt und in deren Hauch man schon den Herbst erahnen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie machte im Halbschlaf ein verhei\u00dfungsvolles Gesicht und l\u00e4chelte, als ob sie schon anstrengungslos mit mir \u00fcber die abgeernteten Felder und Wiesen hinweg nach Hause fl\u00f6ge. Um Punkt drei Uhr betrat ich wie vereinbart das Zimmer durch die ge\u00f6ffnete Balkont\u00fcr. Ich schlug mit meinen Fl\u00fcgeln, um mich bemerkbar zu machen, anfangs noch leise und vorsichtig, dann st\u00e4rker und endlich so laut ich konnte. Als ich sah, dass sie sich regte und ein wenig blinzelte, begann ich, fr\u00f6hlich zwischen den W\u00e4nden hin und her zu fliegen.<\/p>\n\n\n\n<p>[&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leseprobe: Im September, kurz bevor der Sommer zu Ende geht, ist alles aus Gold. Die Sonne, die noch im August hei\u00df und brennend am Himmel stand, war mild und vers\u00f6hnlich geworden. Seit Tagen rollte sie unabl\u00e4ssig \u00fcber den wolkenlosen Himmel und tauchte alles in ihr vers\u00f6hnliches Licht. 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