{"id":339,"date":"2024-02-08T20:51:34","date_gmt":"2024-02-08T19:51:34","guid":{"rendered":"https:\/\/juergen-schlusnus.de\/?page_id=339"},"modified":"2024-02-15T07:35:20","modified_gmt":"2024-02-15T06:35:20","slug":"ludwig-lieber-ludwig","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/juergen-schlusnus.de\/?page_id=339","title":{"rendered":"Ludwig, lieber Ludwig"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Leseprobe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>[&#8230;]<br>Gegen Mitternacht erwachte Robert von einem lauten Ger\u00e4usch. Es war, als ob alle Dinge im Zimmer sich bewegten, der Wecker und sein Wasserglas auf dem Nachtisch klirrten und die Schlafzimmert\u00fcr klapperte. Drau\u00dfen \u00fcber dem Dach schien etwas sausend durch die Luft zu fahren, zuweilen h\u00f6rte Robert ein Pfeifen, ein ausgelassenes, ja h\u00f6hnisches Pfeifen, als jagte dort irgendwo etwas durch die Nacht. Dann wieder kam ein Klagelaut schrill und verzweifelt, und pl\u00f6tzlich wurde all das \u00fcbert\u00f6nt von dem gewaltigen Rollen und Krachen eines Donnerschlags. Er sprang aus dem Bett und lief an das Fenster. Er sah zum Himmel. Kein Stern war zu sehen. Die Luft war schwarz und schien voll wilden Get\u00fcmmels, ein Blitz zuckte kurz auf und zeigte f\u00fcr einen Augenblick in einem metallischen Licht die seltsam ver\u00e4nderte Baumreihe auf dem Nachbargrundst\u00fcck. Nach wenigen Minuten beruhigte sich das Wetter, Robert stand noch eine Weile und lauschte \u2013 aber es herrschte Ruhe.<\/p>\n\n\n\n<p>Robert legte sich wieder ins Bett, konnte aber nicht wieder einschlafen. Er zog sich an, leinte den Hund an und ging hinaus in die Nacht. Der Regen hatte noch einmal zugelegt, und von den glatten nassen St\u00e4mmen der Buchen floss das Wasser nur so herunter. Ein paar Kr\u00e4hen kr\u00e4chzten in den Wipfeln der B\u00e4ume, und der dreibeinige K\u00f6ter der Witwe Bolte, der sonst stets hinter dem Bretterzaun kl\u00e4ffte, wenn Robert und Paul vorbeikamen, heulte aus dem Inneren des Hauses. Paul fing an zu winseln &#8211; als ob er sich vor etwas f\u00fcrchtete. Aus dem angsterf\u00fcllten Winseln wurde, als sie auf dem kleinen Waldpfad auf das Ehrenmal zugingen, ein Heulen, und als sie zu der Bank kamen, die links des Pfades, genau dem Ehrenmal gegen\u00fcber, stand, riss der Hund sich in einer einzigen Kraftanstrengung los und nahm Rei\u00dfaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Robert fluchte. Doch dann erschrak er, denn auf der Bank, da wo die Dunkelheit am dunkelsten zu sein schien, sa\u00df jemand. Und als er das Licht seiner Stirnlampe auf die Gestalt richtete, sah er in einem sch\u00e4bigen Mantel einen krummen alten Mann reglos sitzen, als ob er schlafe. Aus den langen verfilzten und vor Schmutz starrenden ockerfarbenen Haaren tropfte Wasser auf den Boden. Der Kerl sah aus, als w\u00e4re er hundert Jahre alt oder \u00e4lter. Langsam \u00f6ffnete er, als h\u00e4tte er sehr lange, sehr tief und sehr fest geschlafen, die Augen, die seltsam blickleer waren. Auf seinen breiten Schultern wackelte ein unf\u00f6rmiger dicker Kopf mit einem erdgelben Gesicht und buschigen Augenbrauen, unter denen ein Paar gr\u00fcnliche Katzenaugen stechend hervorfunkelten. Auf dem Kopf trug der Kerl eine alte Milit\u00e4rm\u00fctze, unter der ein dreckiger, blutverschmierter Verband zu sehen war. Sein schiefes Maul sah aus, als h\u00e4tte er einen Schlaganfall gehabt. Rotz lief ihm aus der Nase, und er hielt die rechte Hand vor die Augen, um sich vor dem grellen Licht der Stirnlampe zu sch\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Robert war zu Tode erschrocken, als dieser seltsame, unheimliche Mensch im str\u00f6menden Regen mutterseelenallein auf der dunklen Bank mitten im Wald sa\u00df. Ganz besonders zuwider waren ihm die gro\u00dfen knotigen und behaarten H\u00e4nde mit den langen, spinnend\u00fcnnen Fingern, die er aber erst sah, als er sich mit seiner Stirnleuchte vorsichtig der Bank n\u00e4herte. Am widerlichsten aber waren die rasselnden Ger\u00e4usche, die der Alte beim Atmen machte. Es klang so, als schnappe er verzweifelt, aber vergeblich nach jedem Atemzug.<\/p>\n\n\n\n<p>Robert erinnerte sich pl\u00f6tzlich an die furchtbaren Ger\u00e4usche, die sein Opa Dirk auf dem Sterbebett gemacht hatte. Der klang auch so wie ein Schnorchler, und wie widerlich war es ihnen, den vier Kindern, Heini und ihm und Ludwig und Lilo von nebenan, wenn er die blutigen St\u00fccke, die er tief aus seinen Lungen hervor hustete, in ein Taschentuch rotzte oder in die Spuckschale, die immer am Bett stand und in der der ausgehustete Schleim gr\u00e4ulich schwamm.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die mittern\u00e4chtliche Gestalt ihn endlich wahrnahm, sprang sie auf und humpelte mit schmerzverzerrtem Gesicht, mit einer Hand sich den Kopf haltend, zwar geb\u00fcckt, aber doch mit einer wieselhaften Beh\u00e4ndigkeit, die Robert ihr nicht zugetraut h\u00e4tte, von ihm weg und floh in den Wald hinein.<\/p>\n\n\n\n<p>Robert ging, nein, er lief, und zwar so schnell er konnte auf dem Pfad zur\u00fcck bis zum Fahrweg, um nach Paul zu suchen, den er jedoch erst fand, als er nach Hause kam. Paul wartete zitternd und fiepend vor der Haust\u00fcr.<br>[&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leseprobe [&#8230;]Gegen Mitternacht erwachte Robert von einem lauten Ger\u00e4usch. Es war, als ob alle Dinge im Zimmer sich bewegten, der Wecker und sein Wasserglas auf dem Nachtisch klirrten und die Schlafzimmert\u00fcr klapperte. 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