{"id":327,"date":"2024-02-08T20:38:24","date_gmt":"2024-02-08T19:38:24","guid":{"rendered":"https:\/\/juergen-schlusnus.de\/?page_id=327"},"modified":"2024-05-05T18:05:33","modified_gmt":"2024-05-05T16:05:33","slug":"vom-eise-befreit","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/juergen-schlusnus.de\/?page_id=327","title":{"rendered":"Vom Eise befreit"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-left\" style=\"line-height:1\">&#8222;Vom Eise befreit&#8220; ist eines der Projekte, an denen ich zurzeit arbeite. Wenn alles so weiterl\u00e4uft wie bisher, kann es sein, dass er noch 2024 erscheint.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"line-height:1\"><strong>Bei dieser Leseprobe aus &#8222;Vom Eise befreit&#8220; handelt es sich um den vorl\u00e4ufigen und unkorrigierten Anfang des Erstentwurfs des 10. Kapitels:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>[&#8230;]<br>Da drau\u00dfen stand ein Mann auf dem Gehweg vor dem Fenster und starrte, das seltsam bleiche Gesicht an die Fensterscheibe gedr\u00fcckt, die H\u00e4nde wie kleine Seitenklappen an den Kopf gelegt, in den Laden. Der Mann trug einen blaugrauen Schlapphut und einen aus der Mode gekommenen hellen Sommermantel, der ein bisschen aussah wie ein Umhang. Unter dem Umhang trug er eine rote Jacke, von der wir allerdings nur den Stehkragen sehen konnten. Der Mann schien uns aufmerksam zu beobachten, so wie man jemanden ansieht, von dem man nicht sicher ist, ob er es ist, den man sucht. Und dann, im n\u00e4chsten Moment, als wir gerade auf die seltsame Erscheinung aufmerksam wurden und, der eine mehr, der andere weniger, zur\u00fcckstarrten, verdrehte er die Augen \u2013 und war weg. Wie vom Gehweg verschluckt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWas war das?\u00ab, rief Robert. \u00bbHaben Sie das gesehen?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sprang mit ein paar S\u00e4tzen zur T\u00fcr und riss sie auf, der Renner, Achtermann und Robert dr\u00e4ngten hinterher. Der Mann lag reglos und kerzengerade auf dem R\u00fccken, umflossen von dem Licht, das aus dem \u00bbH\u00f6lderlin\u00ab auf den Gehweg fiel. Er lag da wie ein erschlagenes Insekt. Seine H\u00e4nde ruhten flach neben seinen H\u00fcften, und seine Schuhspitzen zeigten senkrecht in die H\u00f6he.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAch, du liebe G\u00fcte! Was ist mit dem?\u00ab, fragte Robert. \u00bbIst er tot?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Und pl\u00f6tzlich kniete der Renner auch schon an seiner Seite. Die Augen des Mannes waren geschlossen, von Blut keine Spur. Unter den Augen hatte er Falten und ziemlich betr\u00e4chtliche Tr\u00e4nens\u00e4cke. Er hatte ein volles, sehr braunes Gesicht. Etwas herabh\u00e4ngende Wangen. Die Haare etwas heller als das Gesicht, die Vorderhaare ratzekahl abgeschnitten, an den Seiten l\u00e4nger, aber v\u00f6llig anliegend. Hinten ein langer Zopf. Der Mund erschien fast ein wenig zu gro\u00df, aber die vollen Lippen waren sehr sch\u00f6n geschwungen. Die Nase sah aus wie ein Habichtschnabel, nur dass die Kr\u00fcmmung sich zur Mitte hin sanft verlor. Wie er so dalag wirkte er sehr zerbrechlich, aber zugleich auch unglaublich stark.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Renner kn\u00f6pfte sein Sakko auf und deckte sie \u00fcber den Mann. Dann machte sich Teddys Ausbildung bei der Johanniter-Jugend bemerkbar; er sprang nach vorn, um Erste Hilfe zu leisten. \u00bbDas Wichtigste bei einem Notfall\u00ab, sagte er und es klang, als rufe er etwas auswendig Gelerntes ab, \u00bbist, die Situation so schnell wie m\u00f6glich und ohne Panik richtig einzusch\u00e4tzen. Und nat\u00fcrlich den Patienten beruhigen.\u00ab Wenn der Mann medizinischen Beistand ben\u00f6tige, werde er sein Bestes tun. Ich fauchte ihn an: \u00bbJa, Mann, mach hin! Bevor der uns hier vor dem Laden stirbt.\u00ab Das werde er, fuhr Teddy unbeirrt fort,&nbsp; nat\u00fcrlich, das werde er, er werde sein Bestes tun \u2013 aber er m\u00fcsse allerdings zugeben, dass er \u00fcber das Bandagieren eines Tischbeins noch nicht hinausgekommen sei.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbTischbein\u00ab, fl\u00fcsterte da pl\u00f6tzlich der Mann auf dem Gehsteig.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWas hat er gesagt?\u00ab, fragte Robert. \u00bbEr hat gerade was gesagt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSein Puls, Alex\u00ab, fl\u00fcsterte ich dem Renner zu. \u00bbTaste nach seinem Puls.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der Renner schob seine Fingerspitzen unter den Jackenkragen des Mannes. \u00bbAtmet er?\u00ab, fragte Teddy.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNat\u00fcrlich\u00ab, sagte ich. \u00bbKannst du fl\u00fcstern, wenn du nicht mehr atmest?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Mit meinen fast 34 Jahren hatte ich bis dahin nur zwei Tote gesehen, eine war meine Gro\u00dfmutter, der andere mein Vater. Die Reglosigkeit des Mannes, der immerhin noch fl\u00fcstern konnte, wirkte nicht endg\u00fcltig; der Mann machte eher den Eindruck, als h\u00e4tte er sich in eine Warteschleife begeben. Er war wohl Mitte vierzig, wenn\u2019s hoch kam f\u00fcnfzig. Vielleicht Anfang f\u00fcnfzig.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen hatten auch ein paar Leute aus den umliegenden H\u00e4usern unseren Auflauf um den am Boden liegenden Mann gesehen und waren neugierig herbeigekommen. Ein paar Autofahrer hielten und stiegen aus. Einer sagte, man m\u00fcsse Decken holen, eine andere, der Mann m\u00fcsse ins Warme gebracht werden, ein Dritter, man solle ihn um Gottes Willen blo\u00df nicht bewegen, es k\u00f6nnte sein, dass er sich den Hals gebrochen hat. Ein dicker Mann forderte sehr laut, man m\u00fcsse einen Rettungswagen rufen. Die Aufregung und das Chaos rundum standen in seltsamem Gegensatz zu der absoluten Stille, die den Renner und diesen Mann zu umgeben schien und die sie von allen anderen trennte. Es schien, betrachtete man nur die beiden, als sei der Rest der Welt in den Hintergrund getreten, bedeutungslos und weit entfernt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbHallo\u00ab, rief der Renner. \u00bbK\u00f6nnen Sie mich h\u00f6ren? Hallo?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNicht r\u00fctteln\u00ab, rief der, der einen gebrochenen Hals bef\u00fcrchtete. \u00bbBlo\u00df nicht r\u00fctteln.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbHallo?\u00ab, sagte der Renner noch einmal, und da kam Bewegung in das Gesicht des Mannes. Zuerst runzelte er sanft die Stirn, als st\u00f6re ihn jemand in einem \u00fcberaus angenehmen Traum. Dann hoben sich langsam, ganz langsam seine Lider. Die Begegnung mit diesen Augen, so erz\u00e4hlte es der Renner hinterher jedem, war f\u00fcr ihn ein Schock. Sie waren erstaunlich gro\u00df und schwarz und funkelnd. \u00bbEr lebt!\u00ab, rief jemand. Und ein anderer: \u00bbEr hat die Augen aufgemacht!\u00ab<br>[&#8230;]<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Vom Eise befreit&#8220; ist eines der Projekte, an denen ich zurzeit arbeite. Wenn alles so weiterl\u00e4uft wie bisher, kann es sein, dass er noch 2024 erscheint. Bei dieser Leseprobe aus &#8222;Vom Eise befreit&#8220; handelt es sich um den vorl\u00e4ufigen und unkorrigierten Anfang des Erstentwurfs des 10. 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