{"id":302,"date":"2024-02-08T19:56:16","date_gmt":"2024-02-08T18:56:16","guid":{"rendered":"https:\/\/juergen-schlusnus.de\/?page_id=302"},"modified":"2024-02-09T19:13:59","modified_gmt":"2024-02-09T18:13:59","slug":"seltsam-im-nebel","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/juergen-schlusnus.de\/?page_id=302","title":{"rendered":"Seltsam, im Nebel"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"719\" src=\"https:\/\/juergen-schlusnus.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Gesamtcover-1024x719.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-176\" style=\"object-fit:cover\" srcset=\"https:\/\/juergen-schlusnus.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Gesamtcover-1024x719.png 1024w, https:\/\/juergen-schlusnus.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Gesamtcover-300x211.png 300w, https:\/\/juergen-schlusnus.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Gesamtcover-150x105.png 150w, https:\/\/juergen-schlusnus.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Gesamtcover-768x539.png 768w, https:\/\/juergen-schlusnus.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Gesamtcover-1536x1078.png 1536w, https:\/\/juergen-schlusnus.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Gesamtcover-2048x1437.png 2048w, https:\/\/juergen-schlusnus.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Gesamtcover-1568x1100.png 1568w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Leseprobe<\/strong>:<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading has-normal-font-size\">Einsamkeiten, Gemeinsamkeiten, Pfingstsamstag im Wohnblock am Rande der Stadt<\/h1>\n\n\n\n<p>Rita von Bockstette, nicht mehr unbedingt attraktiv, h\u00e4lt starke St\u00fccke auf sich; einer ihrer Vorz\u00fcge, meint sie, sei ihre Intelligenz. Eigentlich sollte sie die unerwartet freien Tage nutzen, um den Kleinkram, der vom Umzug liegengeblieben ist, zu sortieren, aber sie verschiebt das auf ein anderes Mal.<br>Diese Tage muss frau dem Leben gewinnen, sagt sie sich und \u00fcberlegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit sie halbwegs regelm\u00e4\u00dfig mit dem deutlich j\u00fcngeren Axel verkehrt, hat sie aufgeh\u00f6rt, sich das Haar zu f\u00e4rben. Axel n\u00e4mlich findet es erregend, wie er sagt, mit einer Frau zu schlafen, die seine Mutter sein k\u00f6nnte. Rita beschlie\u00dft, da Axel nicht anruft, ihren K\u00f6rper in die Badewanne zu legen. In ein paar Jahren wird sie f\u00fcnfundf\u00fcnfzig, und das s\u00e4he, wer Rita in der Badewanne beobachten k\u00f6nnte. Auch sie selbst ist nicht blind, und also wird sie Axel anrufen. Sie sieht nicht ein, warum sie (als Frau, wie sie immer wieder betont) M\u00e4nner wegen leiden sollte, aber sie wei\u00df auch, dass das mit zunehmenden Alter nicht immer zu vermeiden sein wird. Davor sch\u00fctzt sie selbst ihre Klugheit nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenfalls neu in den Wohnblock eingezogen ist Achtermann, der seine Wohnsitznahme hier als Provisorium betrachtet. Er wird sich \u00fcber kurz oder lang eine andere Wohnung suchen, eine einem C 4-Linguistikprofessor angemessenere. Das steht fest, pflegt er zu sagen, wie das Amen in der Kirche. Der Mensch im Allgemeinen und ein Linguist wie Achtermann im Besonderen braucht eine Warte, von der aus er Umschau halten kann, in diesem Falle eine gr\u00f6\u00dfere und repr\u00e4sentativere Wohnung, in der er dann endlich auch die B\u00fccher aus den Umzugskartons in die Regale sortieren k\u00f6nnte. Als Sprachwissenschaftler muss man aber auch schon mal improvisieren k\u00f6nnen. Achtermann nennt das mit der ihm eigenen Bildlichkeit \u00bbvom Finger in den Hals leben\u00ab. Diese Improvisationsgabe entwickelt sich fast zwangsl\u00e4ufig im Verlaufe einer noch jungen Wissenschaftskarriere. Er sei Pragmatiker, sagt Achtermann denn auch, jedweder Dogmatismus sei ihm aus tiefstem Herzen verhasst.<\/p>\n\n\n\n<p>In seiner Mansardenwohnung unterm Dach leidet der Physiker Ulli W\u00f6hler am langen Wochenende. Morgen und \u00fcbermorgen bleibt wegen der Pfingsttage die Post aus. Vor einigen Wochen, kurz vor seinem f\u00fcnfunddrei\u00dfigsten Geburtstag, hat er seinen Bart abrasiert und sich neu eingekleidet. Das passt alles nicht mehr aufeinander, hat er gesagt, und sich Parfum, Hanteln und einen schweren Boxsack zugelegt. Freunde von damals schauen zwar skeptisch und meinen, er sehe jetzt aus wie ein Piffer, in den Hosen und ohne Bart, aber Ulli k\u00fcmmert sich nicht um das Geschw\u00e4tz der Leute. Man muss auf der H\u00f6he der Zeit bleiben, sagt er, gerade als Physiker, und geht meist schnell weiter. Wirklich verstanden f\u00fchlt er sich eigentlich nur noch von seinem Freund Heinz. Der hat ihm zu seinem Geburtstag einen quittengelben Lederschlips geschenkt. Das macht schon was her, hat Heinz gesagt, und sogar Anne ist ganz angetan von Ullis neuem Bild von sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch heute am Pfingstsamstag alle H\u00e4nde voll zu tun hat Hubert Katz. Als Croupier im Casino am See wird ihm Nacht f\u00fcr Nacht ein unerh\u00f6rter Einsatz abverlangt, von dem niemand sich eine Vorstellung machen kann. Unter der dr\u00fcckenden Last der Verantwortung und des Schicksals, das er zu lenken hat, verliert er regelm\u00e4\u00dfig gro\u00dfe Mengen Fl\u00fcssigkeit, was dazu gef\u00fchrt hat, dass er f\u00fcr sein Alter ungew\u00f6hnlich schlank geblieben ist. Besonders j\u00fcngere M\u00e4nner halten ihn deswegen manchmal f\u00fcr homosexuell, aber damit muss Katz leben, so etwas sei, so definiert er es, \u00bbdas \u00c4quivalent f\u00fcr das exponierte soziale Ambiente\u00ab, das der verantwortungsvolle Umgang mit fremdem Hab und Gut fast zwangsl\u00e4ufig mit sich bringt.<br>Die beiden bebrillten jungen Damen, die elegante Uschi Osterloh und die etwas schlichtere Betty Szapanski, die gemeinsam aus dem Oberfr\u00e4nkischen zu Besuch gekommen sind, sind so gesehen reiner Luxus. Uschis Rock zum Beispiel ist bis hoch zum H\u00fcftknochen geschlitzt, und wenn sie darauf verzichtet, einen Slip zu tragen, dann ist das, findet Katz, eine schon sehr eindeutige Stellungnahme zu seinen Gunsten.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine eher tragische Figur macht heute Gerdes, der Hauswart. \u00dcber alle Vorkommnisse im Wohnblock, auch \u00fcber die vermutlich demn\u00e4chst erst eintretenden, ist er gew\u00f6hnlich gut informiert. Heute jedoch wird er von dem v\u00f6llig unerwarteten Besuch seiner Mutter \u00fcberrascht. Als die alte Dame an der Wohnungst\u00fcr l\u00e4utet, schafft er es gerade noch, ein unverf\u00e4ngliches Fernsehprogramm einzuschalten.<br>Gerdes sieht aus dem Fenster und sieht seinen Junior, mit dem er das in wenigen Minuten beginnende Pokalfinale verfolgen wollte, pfeifend mit seinem Rennrad angefahren kommen, sieht, wie er den gelben Golf der Oma erkennt und wie er, ohne auch nur andeutungsweise hochzusehen und lange zu \u00fcberlegen, auf der Stelle umdreht. Der Satansbraten, denkt Gerdes, weil er wei\u00df, dass Junior sich das Fu\u00dfballspiel bei seinem Kumpel ansehen wird.<br>Als Oma nach dem Kuchen, den sie vorsichtshalber mitgebracht hat, von den Nachbarn anf\u00e4ngt, h\u00e4lt Gerdes den Zeitpunkt f\u00fcr erreicht, wo der Rasen noch einmal gem\u00e4ht werden m\u00fcsste. \u00bbMach doch einen sch\u00f6nen Spaziergang, Oma\u00ab, schl\u00e4gt er vor, \u00bbbei dem Wetter.\u00ab<br>Drau\u00dfen holt er tief Luft. Seinem Junior, das steht schon mal fest, wird er was erz\u00e4hlen. Sich so billig aus dem Staub zu machen, das h\u00e4lt Gerdes nicht unbedingt f\u00fcr pflichtgem\u00e4\u00dfes solidarisches Verhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Ulli die beiden, Heinz und Anne, alle paar Monate mal in ihrem D\u00fcsseldorf besucht, dann f\u00fchlt er sich endlich wieder einmal geborgen und gut aufgehoben. Zu seinen Ehren macht Anne ihre vorz\u00fcglichen, aber aufwendigen els\u00e4ssischen Teigwickel, und nach dem Brandy spielen die beiden M\u00e4nner Schach. Ulli hat schon mal \u00fcberlegt, ob er Heinz vorschlagen sollte, ein paar Partien um Anne zu spielen, aber der Ausgang w\u00e4re ungewiss, und eigentlich liebt Ulli die Verh\u00e4ltnisse, wie sie sind: nicht endg\u00fcltig. Anstandslos r\u00e4umt Heinz das Schlafzimmer, wenn Ulli kommt, und der wei\u00df das durchaus zu sch\u00e4tzen: \u00bbAuch die Eskimos\u00ab, sagt er, \u00bbbieten ihren G\u00e4sten die eigene Frau an.\u00ab Nicht zuletzt deshalb hat sich sein anfangs eher distanziertes Verh\u00e4ltnis zu Heinz immer mehr zu einer echten M\u00e4nnerfreundschaft entwickelt. Zuerst war es nicht leicht gewesen f\u00fcr Ulli, als Heinz pl\u00f6tzlich auftauchte und Anne sich erst Hals \u00fcber Kopf in ihn verliebte und dann sehr bald heiratete. Aber Ulli w\u00e4re nicht der Physiker, der er ist, wenn er nicht w\u00fcsste, die Zeit f\u00fcr sich arbeiten zu lassen. Heute ist alles wieder im Lot, und neuerdings kann es sogar vorkommen, dass die beiden M\u00e4nner allein losziehen, um in den Altbierkneipen zwischen all den Studenten zu sitzen, und Anne in der ger\u00e4umigen Vierzimmerwohnung allein lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, f\u00fcr Axels unvermutete Fu\u00dfballbegeisterung kann Rita heute kein Verst\u00e4ndnis aufbringen. \u00bbDas Spiel\u00ab, hat Axel ihr am Telefon vorgerechnet, \u00bbf\u00e4ngt um vier an und dauert neunzig Minuten, dazu die Halbzeit, ich bin, sagen wir, gegen sechs bei dir, wenn es keine Verl\u00e4ngerung gibt.\u00ab<br>Vor zehn Jahren h\u00e4tte sich Rita damit nicht abgefunden, heute jedoch, wei\u00df sie, muss sie zufrieden sein, mit dem was sie kriegt, auch wenn sie zu wissen meint, dass das Rascheln in der Leitung von einer Kartoffelchipst\u00fcte herr\u00fchrt und nicht, wie Axel etwas angestrengt behauptet, von einer kurzzeitigen Empfangsst\u00f6rung im Fernsehen. Ihrem Einwand, er k\u00f6nne das Spiel, wenn es denn nun partout sein m\u00fcsse, doch auch bei ihr und mit ihr sehen, kann Axel zu seinem Gl\u00fcck und mit Recht entgegenhalten, dass die beiden Mannschaften schon auf dem Platz sind. Rita legt auf und beschlie\u00dft, sich, um Klarheit zu gewinnen, ebenfalls das Spiel anzusehen, um ihn hinterher mit kleinen und unauff\u00e4lligen, aber gezielten Fragen auf die Probe zu stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>In seinem Fernsehsessel bequem gemacht hat es sich auch der LKW-Fahrer Hasselhoff. Seine junge Frau hat er angewiesen, die beiden M\u00e4dels zu besch\u00e4ftigen und die St\u00f6rungen auf das Unvermeidliche zu reduzieren.<br>Aus den Nachrichten vor dem Endspiel hat Hasselhoff erfahren, dass irgendwo in S\u00fcdamerika die Erde gebebt hat. Junge, Junge, denkt er, zwanzigtausend Tote, das ist ja eine ganze Kleinstadt. Und dann versucht er sich auszumalen, wie viele Fu\u00dfballpl\u00e4tze man br\u00e4uchte, um diese zwanzigtausend toten Indios nebeneinander zu legen. Weil er nicht genau wei\u00df, welche Ma\u00dfe ein Fu\u00dfballfeld hat, zeichnet er sich einen Plan. Ein zehn Zentimeter langes Rechteck hat etwa dann das Format eines vern\u00fcnftigen Fu\u00dfballplatzes, wenn es sechseinhalb Zentimeter breit ist. Ein richtiges Feld wird demnach etwa hundert Meter lang und f\u00fcnfundsechzig Meter breit sein. Hasselhoff schaut an sich herunter und sch\u00e4tzt, dass er, wenn er die Arme eng an den K\u00f6rper legt, etwa f\u00fcnfzig Zentimeter breit ist. Das macht bei einer K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe von einsachtzig \u2013 Hasselhoff steht auf und holt sich aus dem Kinderzimmer den Taschenrechner, den seine \u00e4lteste Tochter f\u00fcr die Schule braucht &#8211; das macht bei einer K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe von einsachtzig: neuntausend Quadratzentimeter, sagen wir also knapp einen Quadratmeter. Ein Fu\u00dfballplatz hat etwa, vorausgesetzt, seine Zeichnung stimmt, sechstausendf\u00fcnfhundert Quadratmeter. Wenn man nun also die Leichen einigerma\u00dfen s\u00e4uberlich nebeneinander legt, passen \u00fcber den Daumen sechstausendf\u00fcnfhundert tote Indios auf ein Feld. Hasselhoff ist verbl\u00fcfft: Die zwanzigtausend Toten kriegt man bequem auf drei Fu\u00dfballpl\u00e4tzen unter. Er ist ein wenig stolz auf seine Rechnereien und findet das mit der Kleinstadt gar nicht mehr so dramatisch.<br>[&#8230;]<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong><a href=\"https:\/\/juergen-schlusnus.de\/?page_id=218\" data-type=\"page\" data-id=\"218\">weiterlesen?<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leseprobe: Einsamkeiten, Gemeinsamkeiten, Pfingstsamstag im Wohnblock am Rande der Stadt Rita von Bockstette, nicht mehr unbedingt attraktiv, h\u00e4lt starke St\u00fccke auf sich; einer ihrer Vorz\u00fcge, meint sie, sei ihre Intelligenz. 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