Leseprobe:
Als Arthur aufwachte, lag er nicht mehr in seinem dunklen Bett.
Ein bärtiges Gesicht hatte sich düster über ihn gebeugt und sah ihn mit prüfendem Blick an.
»Endstation«, sagte der Busfahrer, als er sah, dass er halbwegs zu sich gekommen war. »Aussteigen!«
»Sie fahren nicht weiter?«
»Nein«, brummte er, »Feierabend.« Dann ging er nach vorne, steckte grimmig seine Brotdose in die Aktentasche und begann, das eingenommene Geld zu zählen. Schlaftrunken und etwas verschwommen sah Arthur, wie eine Münze zu Boden fiel und ein kurzes Stück auf ihn zu rollte.
Er stieg aus. Draußen war es dunkle Nacht und es war kalt. Eine feuchte Kälte, die an den Knochen nagt. So sind die Nächte im November.
Der Bus fuhr ab. Arthur sah sich um: Eine Straße, ein paar Villen aus der Zeit der Jahrhundertwende neben grauen Mietskasernen, der Vorort einer beliebigen Stadt im Novemberland.
Dunkelheit in fast allen Fenstern, gelegentlich eine schwach beleuchtete Toreinfahrt, dann endlich eine Uhr: viertel nach zwei.
Was um alles in der Welt sollte er hier?
Er ging los. Zum Glück hatte man an seinen Mantel gedacht, und so konnte er die Hände in die Manteltaschen stecken. Feuchtkalter Nachtwind wehte ihm ins Gesicht. Hin und wieder musste er seinen Hut festhalten. Dieser Wind war das einzig Lebendige in dieser Nacht – ansonsten alles tot, wie ausgestorben. Keines der am hellen Tage üblichen Geräusche der Stadt, dafür das Klappern der vom Wind bewegten Gartenpforten. Todbringend.
Aber, weiß Gott, das ficht ihn schon lange nicht mehr an, wahrscheinlich hatte er schon Schlimmeres erlebt.
Eine der Villen fiel ihm auf. Sie war älter als die Nachbarhäuser, einst wohl ein Herrensitz im Grünen, vor den Toren der Stadt erbaut, dann von der Bebauung eingeholt. Hinter ihr vermutete er einen Park mit einem Teich, auf dem ein Schwanenpaar durch die Nacht schwamm. Im ersten Stock war ein einziges Fenster noch erleuchtet.
Arthur blieb stehen und sah sich um: Kein Mensch, nichts. Selbst die Gartenpforten hatten ihr unseliges Geklapper aufgegeben – sinnloser Spuk für kleine Mädchen!
Da trat plötzlich eine Gestalt ans Fenster im zweiten Stock. Im ersten Augenblick glaubte er, es sei ein Riesenrabe. Es war November, sein Geburtsmonat, die beste Zeit für Riesenraben. Er kniff die Augen zusammen und sah genauer hin und erkannte die Umrisse einer jungen Frau. Sein Blick schärfte sich: Sie trug eine weiße Hemdbluse, die oben am Hals eng mit einer dunklen Brosche abschloss. Ihr volles schwarzes Haar war auf dem Hinterkopf zu einem prallen Knoten gebunden, der von einer metallenen Haarnadel gehalten wurde.
[…]
Zur Entstehungsgeschichte:
In das Haus, in dem ich damals in Lüneburg wohnte, zogen Ende Dezember 1979 neue Nachbarn ein. Uwe, so hieß der neue Nachbar dort oben im Dachgeschoss, und seine recht hübsche Freundin, deren Namen ich vergessen hat (ich weiß nur noch, dass alle Welt sie »Mölcki« nannte) stellten sich nach ihrem Einzug bei uns vor. Uwe und ich sahen sich an und erkannten schon nach zwei, drei Sätzen, die wir miteinander gewechselt hatten, dass wir so etwas waren, was man damals »Seelenverwandte« genannt haben mochte. Uwe sah die Bücher in meiner Wohnung, er hörte die Musik, die ich gerade hörte (wahrscheinlich Mahler), und es hätte wohl nicht viel gefehlt, dass wir uns in den Armen gelegen hätten. Eine Einladung zur Einzugs- und Silvesterparty folgte quasi auf dem Fuße.
Bei der Silvesterparty im Dachgeschoss lernte ich auch Uwes Freund kennen, der Christoph hieß, der aber von allen »Buddy« genannt wurde. In dieser legendären Nacht stellten wir drei fest, dass wir nicht nur Hermann Hesse lasen, sondern selbst auch Gedichte schrieben – ein bisschen so, wie alle damals, in diesem innerlichen Hesse-Stil. Bis zum Morgengrauen haben wir über Hesse und unsere eigenen Texte gesprochen.
In diesem plötzlich aus heiterem Himmel entzündeten literarischen Enthusiasmus ist »Ruths Nacht« entstanden.
Als ich ihn nach Jahren in meinen Umzugskisten wiederfand, war ich überrascht, dass nur ein paar geschicktere Formulierungen und ein paar hinzugenommene Reminiszenzen ausreichten, um aus dem unreifen und etwas holprig klingenden Text eines 25jährigen ein ganz passables Prosastück zu machen. Eigentlich ist das mein erstes Prosastück von einigermaßen hinlänglicher Qualität.
Seite erstellt: 18.07.2026